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Das Gründungshaus des Meidericher Spielvereins 02

Kann es ein Leben ohne Fußball geben? Seien wir ehrlich, ja natürlich! Und vielen Leuten geht es sehr gut damit, nichts von den wochenendlichen Dramen in den Arenen zu wissen. Aber um diese Menschen geht es nicht. Es geht um diejenigen, denen Fußball viel, manchmal zu viel bedeutet und die sich im Stadion den Stress des Alltags aus dem Kopf blasen lassen. 

Es gibt kaum eine Subkultur und deren Sportart, die näher und intensiver beleuchtet worden ist wie der Fußball und seine Fans. In so gut wie jeder Disziplin gibt es Fachaufsätze dieses popkulturellen Phänomens, ja sogar in der Archäologie der Moderne, ja auch hier. Es sind die Anhänger*innen der Fußballclubs, die eigene Räume in der modernen Stadt für sich einnehmen, eigene Rituale und Rivalitäten haben und als Subkultur Mitbestimmung in ihren Vereinen und in der Sportpolitik einfordern. Dieser Mikrokosmos ist komplex, vielschichtig und dreht sich nicht nur um sich selbst und die aktuelle Saison. Es gibt auch eine eigene Erinnerungskultur. Diese umfasst natürlich die Heldinnen und Helden von damals, das Gedenken an verstorbene Mitstreiter*innen, vergangene Meisterschaften, Auf- und Abstiege, sensationelle Siege, Stadien und Sportplätze von früher und auch die im Nebel liegenden Anfänge. Nebel deswegen, weil die Gründungen meist über 100 Jahre zurückliegen. Das menschliche Bedürfnis, nach den eigenen Ursprüngen zu forschen und diesen Orten eine Bedeutung für die Gemeinschaft beizumessen, ist inzwischen unmittelbar Teil moderner Fußballkultur. 

Zum Beispiel wird an den Gründungsort von Bayern München nicht nur mit einer Plakette erinnert, auch das heutige Vereinsheim heißt so wie das Gründungscafé und auch ein Fanclub.1 Schalke 04 stellte in der Herzogstraße 54, die vorher Hauergasse 2 hieß, eine Infotafel auf.2 Werder Bremen erinnert an ihre Gründungsgaststätte „Kuhhirte“ auf der Bremer Weserinsel,3 der FC Köln an die Gaststätte Roggendorf in der Luxemburger Straße 188.4 In der Dortmunder Nordstadt am Borsingplatz ist ein Stein vor einer Pommesbude eingelassen, der an einen Stern auf dem Walk of Fame erinnert. Dort befand sich einst die Gaststätte Wildschütz, der Gründungsort des BVB.5 Aber auch der Kreisligaverein BSV aus Wesel-Büderich am Niederrhein gedenkt seiner Gründung im März 2019 mit einer Plakette.6 

angegilbtes bräunliches Papier mit einer Hausfassade, Architekturzeichnung.
Fassadenplan der Bahnhofstraße 135, Meiderich im Zustand zwischen 1896 und 1930. Planausschnitt 1930 aus: Hausakte Duisburg Meiderich, Bahnhofstraße 135,  Band 1 (Hausaktenarchiv im Stadtarchiv Duisburg). 

Anlass für solche Tafeln und Gedenksteine sind häufig Jubiläen. Nun steht 2027 der 125. Jahrestag der Gründung des Meidericher Spielvereins 02 an. Grund genug, nach dem Gründungshaus der Duisburger Zebras zu suchen. Die Ursprünge von Sportvereinen aus der Kaiserzeit werden meist in Gaststätten verortet. Das liegt am Vereinsrecht der damaligen Zeit, in dem Versammlungen zwar erlaubt, aber reglementiert waren. Die Mitglieder trafen sich an einem öffentlichen Ort, Termine und Adresse wurden gemeldet, Satzung und Vereinszweck mussten bei der örtlichen Polizeiverwaltung eingereicht werden und in diesen Akten finden sich heute die Gründungdaten. Die Überlieferung der frühen Sportgeschichte ist spärlich, aber ein bisschen Licht lässt sich dann doch reinbringen. Der Zeithistoriker Martin Blasius hat in einem Artikel 2019 die Frühzeit des Vereins nachgezeichnet, die vorhandenen Schriftstücke aus den Beständen des Stadtarchivs recherchiert sowie biografische Angaben der Gründungsmitglieder ermittelt.7 Den Artikel finden Sie hier als pdf. 

Für mich stellte sich nun die Frage, war die Frühzeit des Meidericher Spielvereins auch mit einer Vereinsgaststätte verbunden? Ist das Gebäude noch erhalten? Und ja, eigentlich ist es „wie früher“, wenn man jemanden gesucht hat, schlug man im Telefonbuch nach, um die Jahrhundertwende war es das Adressbuch. Die Vereinsgaststätte der Meidericher Spielvereins 02 war bei Wilhelm Köppen in der Bahnhofstraße 135 in Meiderich. Weitergehend war also zu prüfen, ob nicht zufällig die Bauakte des Gebäudes erhalten geblieben ist und ja, Thomas Platz und ich konnten sie einsehen.8 Die Ergebnisse der Recherche sind etwas ausführlicher im Jahresband 2024 „Dispargum“ der Duisburger Stadtarchäologie erschienen. 

Im Rausch des Wachstums, anders kann man das Ruhrgebiet in dieser Zeit nicht beschreiben, hatte Meiderich erst 1895 die Stadtrechte erhalten und wurde bereits 1905 unter großem Protest nach Duisburg eingemeindet.

In diesen 10 Jahren Stadtgeschichte kaufte der Gastwirt Wilhelm Köppen 1896 das Haus und ließ das ehemalige Wohngebäude zur Gastwirtschaft umbauen. Er erweiterte es um einen zweiten Eingang, der direkt in die Gaststube führte, richtete einen Tresen mit Ausschankfenster ein. Dahinter befand sich einer der beiden Gesellschaftsräume mit rund 80 Quadratmetern für größere Feiern und links vom Haupteingang gab es einen kleineren mit etwa 30 Quadratmetern für private Anlässe.

Grundrissplan, Erdgeschoss einer Gaststätte um die Jahrhundertwende. Es gibt zwei große Säle und einen kleineren, sowie Küche und Sanitäranlagen.
Grundriss des Erdgeschosses, Bahnhofstraße 135, Meiderich, im Zustand zwischen 1896 und 1930 (Grafik: Maxi Platz)

Eine Speisekarte ist nicht überliefert, doch der großzügige Grundriss mit zwei Gesellschaftsräumen und die Damentoilette sprechen für eine bessere Adresse, in der sich das Meidericher Bürgertum traf. Vor dem Ersten Weltkrieg waren Gaststätten eine männliche Domäne; Frauen kamen meist nur zu besonderen Anlässen wie Familienfeiern oder zur Versammlung eines Sport-, Gesangs- oder Kulturvereins in die Gaststätte. Genau ein solches „anständiges“, bürgerliches Lokal war ideal für den jungen Fußballclub, dessen Mitglieder (ausschließlich Männer) diesen als respektablen Verein etablieren wollten, und da fügte es sich, dass der Wirtssohn Heinrich Köppen eines der Gründungsmitglieder war. 

Und dass es eines der besseren Gasthäuser in Meiderich war, sah man der Immobilie von außen auch an. Es war ein traufständiges, zweistöckiges, siebenachsiges Gebäude. Über einem glatt verputzten Sockel, in dem unter den fünf Fenstern flach längsgestreckte Kellerfenster mit gerundeten Schmalseiten zu sehen sind, folgt im Erdgeschoss eine aufwendige Putzfassade. Die Ecken weisen eine angeputzte Quadergliederung auf, wobei sich die Lagen als Verputzbänder über die gesamte Fassadenbreite fortsetzen. Türen und Fenster hatten jeweils mehrfach profilierte Laibungen. Über den Stürzen verlief ein gegliedertes, recht schmales Gesims.

Im Obergeschoss werden die Ecken durch aufwendig strukturierte aufgeputzte Lisenen betont. Oberhalb des das Erdgeschoss abschließende Gesims folgt über einem Putzfeld mit einem anzunehmenden aufgebrachten Schriftzug ein weiteres einfacheres Gesims, das zugleich als Auflager der die sieben Fenster stützenden Konsolen dient. Oberhalb der Konsolen gründen die Fenster auf einer etwas vorstehenden Fensterbank. Direkt unterhalb der Fensterbänke befinden sich ebenfalls aufgeputzte, hängende Girlanden. Die Fensterrahmungen entsprechen weitgehend dem Erdgeschoss. Oberhalb befindet sich ein auskragendes Gesims, das auf einem Zahnschnittfries ruht. Das Obergeschoss wird oben durch ein durchlaufendes mehrfach profiliertes Gesims abgeschlossen. 

In der Hausakte gab es keine Hinweise auf die Farbfassung des Gebäudes. Von einem farbigen Anstrich ist auszugehen und nach den Gepflogenheiten der Zeit zu schließen dürfte diese in einer kräftigeren Tongebung aufgebracht worden sein. Ich war an dieser Stelle so frei und habe mich für die Farbe blau entschieden.

Architekturzeichnung eines zweistöckigen Jahrhundertwendehauses mit blauer Fassade. Die Putzstreifen im Erdgeschoss sind blau-weiß alternierend farbig gefasst.
Erster Rekonstruktionsvorschlag Fassade Bahnhofstraße 135, Meiderich, um 1902 (Grafik: M.M. Platz).
Architekturzeichnung eines zweistöckigen Jahrhundertwendehauses mit blauer Fassade. Die Putzstreifen im Erdgeschoss sind blau.
Zweiter Rekonstruktionsvorschlag Fassade Bahnhofstraße 135, Meiderich, um 1902 (Grafik: M.M. Platz).

Ich schlage zwei Farbfassungen als Rekonstruktion vor, zum Ersten einen Farbwechsel (Fassadenfarbe zu weiß) der breiten Verputzbänder im Erdgeschossbereich und zum Zweiten eine flächige Farbgebung. Die Ausgestaltung entspricht dabei zeitgenössischen Vorbildern, wie sie auch heute noch in vielen Städten zu finden sind. Ich gehe von einem Schriftzug auf dem Putzfeld zwischen den Geschossen aus. Ich habe mich für „Gasthaus Köppen“ in einer lateinischen Serifenschrift entschieden. „Restaurant Köppen“, „Gaststätte Köppen“ oder einfach nur „Köppen“ sind ebenfalls denkbar.

Wilhelm Köppen übergab das Gasthaus an seinen Sohn, dem MSV-Pionier Heinrich Köppen, der es zwei Jahre über den 1. Weltkrieg hinweg geführt hat.  Heinrich Köppen starb bereits im Dezember 1920 mit etwa Mitte vierzig.9 Das Gasthaus Köppen wurde 1922 zwangsversteigert. Der Erlös dürfte sich für die Erben während der Hyperinflation im darauffolgenden Jahr in Luft aufgelöst haben. 

Darstellung der hypothetischen Fassade in der Straße. Anmutung eines kolorierten SW-Fotos
Darstellung der rekonstruierten Fassade in der Häuserzeile (Fotomontage unter Zuhilfenahme von mehreren KI-Modellen – Maxi Platz)

Damit endet die Geschichte des Hauses nicht, aber seine Verbindung zum MSV schon. Als einer der großen Duisburger Sportvereine wurde Anfang der 1920er Jahre eine aufwendige Sportplatzanlage an der Westender Straße gebaut und dort auch ein eigenes Vereinsheim eingerichtet. 

Das Gebäude der Gründungsgaststätte überstand den Bombenkrieg, wurde allerdings 1973 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Jahrelang befand sich in dem Nachfolgebau die Gaststätte „Berliner Brücke“, die aber selbst auch schon wieder Geschichte ist. 

Es bleibt abzuwarten, ob und wie der Meidericher Spielverein im Jubiläumsjahr diesem historischen Ort, temporär oder dauerhaft, gedenken wird.  

Der Beitrag beruht auf dem Artikel: 

Maxi Maria Platz, das Gründungshaus des Meidericher Spielvereins, in: Dispargum. Jahresberichte der Duisburger Stadtarchäologie 9, 2024, 221-232.

Darstellung der hypothetischen Fassade in der Straße. Anmutung einer Feder-Tusche-Zeichnung
Darstellung der rekonstruierten Fassade in der Häuserzeile (Fotomontage unter Zuhilfenahme von mehreren KI-Modellen – Maxi Platz)

Zum Weiterlesen

Gibt es eine Archäologie des Fußballs? Teil 1: Antikenrezeption

Gibt es eine Archäologie des Fußballs? Teil 2: Orte der Erinnerung

Böse Menschen haben keine Lieder. Notizen zu Fußballhymnen, Vereinsliedern und Fangesängen in der Bundesliga

Wolfgang Menges „Smog“ (1973). Wie eine Doku-Fiktion das Ruhrgebiet besser machen wollte


Zitate

1  D. Baumann, FC Bayern München. In: Historisches Lexikon Bayerns (Online-Lexikon), publiziert 08.05.2017, akt. 19.08.2019,  (Zugriff 10.08.2026).

2  Berkes/Deiss 2025, S. 34.

3  Berkes/Deiss 2023, S. 25.

4  Berkes/Deiss 2025, S. 37.

5  Berkes/Deiss 2023, S. 33.

6  Berkes/Deiss 2025, S. 43.

7  Blasius 2019.

8  Hausakte Duisburg Meiderich, Bahnhofstraße 135,  Band 2 (Hausaktenarchiv der Bauordnung Duisburg).

9 Recherche der Sterbedaten: Martin Blasius. 


Literatur

Blasius 2019
M. Blasius, Die Anfänge des Meidericher Spielvereins. Ein Stück Duisburger Stadtgeschichte, in: Rhein-Maas. Geschichte, Sprache und Kultur 9, 2019, 177-194.

25 Jahre MSV 1927
25 Jahre Meidericher Spielverein. Sport-Werbewoche vom 21. bis 29. Mai 1927 (Duisburg 1927), siehe: Stadtarchiv Duisburg S 2120. ohne Seitenangaben

50 Jahre MSV 1952
50 Jahre Meidericher Spielverein. 1902-1952. Jubiläumsfestschrift (Duisburg 1952), siehe Stadtarchiv Duisburg S 1811. ohne Seitenangaben

Gehrmann 1988a
S. Gehrmann, Fußball – Vereine – Politik. Zur Sportgeschichte des Reviers (Essen 1988).

Gehrmann 1988b
S. Gehrmann, Dokumentation zur Geschichte der Fußballvereine Hamborns, Gelsenkirchen und Essen 1900-1940. Standort, Mannschaftsstärke und Sozialprofil (maschinenschr. Manuskr., Universitätsbibl. Essen 1988).

Piesczek/Schulze-Marmeling 2017
D. Piesczek/D. Schulze-Marmeling, Duisburg. Die erste Fußball-Hochburg des Ruhrgebiets, in: H. Hering, Im Land der tausend Derbys. Die Fußballgeschichte des Ruhrgebiets (Göttingen 2017) 43-47. 

Maxi Maria Platz
Maxi Maria Platz
Dr. Maxi Maria Platz hat in Bamberg von 2002 bis 2009 Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit studiert. Aktuell arbeitet… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Maxi Maria Platz (10. August 2026). Das Gründungshaus des Meidericher Spielvereins 02. MinusEinsEbene. Abgerufen am 5. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16nqz


3 Antworten auf „Das Gründungshaus des Meidericher Spielvereins 02“

  1. Ich bin 82 Jahre alt und seit meiner Kindheit MSVFan. Da ich in Meiderich groß geworden bin kann ich mich erinnern, dass das Deutsche Haus in den 50er bis Anfang60er vom unserem MSV Mittelstürmer Hetzel,gen Burger betrieben wurde.
    Hetzel war in Sepp Herbergers Notizbuch
    ,aber kam über “Westdeutsche Ländermannschaft ” nicht hinaus.
    HETZEL hat vor dem Deitschen Haus auch eine Zeit lang die Vereinsgaststätte an der
    Westender Straße betrieben.

    1. Lieber Herr Rzepczyk, vielen Dank für den schönen Kommentar! Das MSV-Museum sucht auch nach alten Fotos des Gasthauses, auch gerne als es ab den 1920er Jahren bis in die 1970er das Deutsche Haus war.
      Wenn Sie mehr wissen, wenden Sie sich auch gerne noch mal persönlich an mich!
      Viele Grüße,
      Maxi Platz

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